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Alpenbrevet Silbertour 2023

Gestern sind wir beim Alpenbrevet (alpenbrevet.ch) mitgefahren. Domi hat schon im 2022 daran teilgenommen. Wie damals, hat er uns auch dieses Jahr für die Silbertour angemeldet. Diese ist etwas über 100 Kilometer lang und hat 3200 Meter Steigung verteilt auf drei Alpenpässe. Die Route war gleich wie letztes Jahr.

Wir sind bereits am Vortag angereist und nachdem wir die Startnummer abgeholt hatten, gingen wir ins Dorf zum Znachtessen. Übernachtet haben wir dann im Auto. Martin und seine Frau waren auch da. Er hatte sich für die Platintour angemeldet!
Wie immer war Domi auch diesmal wieder nervös, aber am Morgen ging’s dann. Wir standen kurz vor 5 Uhr auf, haben gegessen und das Velo bereit gemacht. Um 6 Uhr ging es dann los. Es war noch kühl, aber im Gegensatz zum letzten Jahr war es trocken und der klare Himmel versprach einen sonnigen Tag. Wenn man bei Nacht und Kälte losfährt ist es manchmal schwierig, die Sonnencreme nicht zu vergessen.

Gegen die Kälte half der erste Anstieg hoch zum Gotthardpass. Der ist von Andermatt aus mit etwa 700 Höhenmetern nicht so hoch und auch nicht steil. Ein guter Anfang für die Tour, wie wir finden.

Eine fast endlose Linie von roten Lichtern schmückte den Aufstieg. Sehr schön anzusehen war auch die rote Linie der Goldtour-Fahrer, welche von Andermatt Richtung Oberalppass aufstiegen. Von Hospental sah man dort in der Ferne, die endlose rote Linie. Sehr beeindruckend.

Oben auf dem Pass angekommen, küsste die Sonne die ersten Berggipfel. Was für ein Anblick!

Es folgte die saukalte Abfahrt nach Airolo. Domi hatte auf dem Pass oben alles angezogen was er dabei hatte. Ich war froh, in der Tasche zu stecken, dort drin war es schön windstill und warm. Leider führte die Abfahrt über die Passstrasse und nicht die Tremola hinunter. Das Kopfsteinpflaster war letztes Jahr bei der Nässe eine angenehme Herausforderung für alle Fahrer und Fahrerinnen.
In Airolo war dann der erste Verpflegungsposten. Domi war ziemlich durchgefroren und da wir eh noch mehr als genug Futter dabei hatten, machten wir nur eine kurze Pause. Aufwärmen konnte er sich auf dem Aufstieg zum Nufenenpass noch genug. Ziemlich bald konnte Domi dann die Jacke und die Beinlinge zu mir in die Tasche stecken. Es wurde ziemlich eng da drin, deshalb hat er mich dann in die Trikottasche genommen. Das Bedrettotal war bei diesem Wetter herrlich schön und die erste Hälfte des Aufstiegs war ein Genuss. Ich fand auch die zweite Hälfte super schön, aber Domi fluchte, weil sein Magen wieder nicht so wollte wie er (scheint irgendwie häufiger der Fall zu sein ;-)). Er machte deshalb hie und da eine kurze Pause zum Essen und kämpfte sich im Schneckentempo die restliche paar Kilometer zur Passhöhe durch. Ich nutzte die Pausen für ein Foto.

Er dachte, es würde besser gehen, wenn er zum essen kurz anhält und nicht während der Fahrt ist. Keine Ahnung ob das stimmt, aber manchmal kommt er komische Ideen und hey, schlussendlich hatten wir den Aufstieg geschafft, so falsch konnte es also nicht gewesen sein. Er war sich aber nie sicher, ob er zu viel oder zu wenig ass. Vielleicht war es auch einfach das falsche. Wer weiss, irgendwann wird er’s lernen.
Weitere 1300 Höhenmeter lagen hinter uns. Belohnt wurden wir mit einem fantastischen Ausblick über die Walliser- und Berner Alpen.

Auf der Abfahrt (diese war zum Glück nicht mehr ganz so kalt wie die erste) konnte sich Domis Magen dann ein bisschen beruhigen. Im Tal unten in Ulrichen war dann auch schon der nächste Verpflegungsposten. Es herrschte Hochbetrieb denn auch die ersten Fahrer der Platintour waren dort. Martin kreuzte ich kurz vorher in der Abfahrt vom Nufenenpass. Er hatte da schon den Susten- und Grimselpass hinter sich gebracht.

Weil danach der Aufstieg zum Furkapass folgte und dieser fast so hoch und steil werden würde wie der vorherige zum Nufenenpass, wollte Domi beim Verpflegungsposten so lange Pause machen, bis er sich wieder wohl fühlte. Er tigerte etwas herum, trank eine Buillon, ass Brot, füllte Wasser in seine Flasche und nach etwa einer halben Stunde machten wir uns ganz gemütlich wieder auf den Weg. Das Alpenbrevet ist ja schliesslich eine Rundfahrt und kein Rennen. Die längere Pause hatte sich anscheinend gelohnt, Domi fühlte sich so gut wie noch nie an dem Tag und in seinem Übermut verlor er dann auch noch die Wasserflasche. Tja, wer so ungeschickt ist, muss dann halt anhalten, umkehren und die Flasche wieder holen. Zum Glück lag sie auf dem Trottoir und nicht auf der Strasse (welche in diesem Abschnitt nicht sehr gemütlich war).
Nach ein paar flachen Kilometern begann in Oberwald dann der Anstieg zum Furkapass. In diesem Teil hatte es enorm viele Töfffahrer. Viele davon rücksichtsvoll, überholen mit Abstand und Anstand. Herzlichen Dank euch allen für eure Rücksicht! Aber leider gibt es von den anderen Sorte immer noch viel zu viele. Scheinbar glauben diese, mit ihren lärmigen Maschinen irgendjemanden beeindrucken und können. Sie rollen auf gleiche höhe und geben dann so übertrieben Gas, dass der Lärm uns schier von der Strasse fegt. Hört doch bitte auf damit. Das ist soooo 1990! Als in Gletsch die Strasse zum Grimselpass von der Furkapassstrasse abzweigte, liess aber die Töffdichte merkbar nach und das Fahren wurde viel angenehmer.

Für den letzten Aufstieg von etwa 1100 Höhenmetern hatte Domi sich eine neue Ernährungsstrategie ausgedacht. Er hielt immer nach 150 Höhenmetern ganz kurz an, ass von seinen selbstgemachten Flapjacks und trank nur Wasser dazu. Keine Gels, keine anderen Riegel und keine Kohlenhydratgetränke mehr. Diese Strategie hat sehr gut funktioniert. Trotz den recht häufigen Stops konnten wir konnten wir ganz viele andere Fahrer und Fahrerinnen überholen. Für die gute Stimmung sorge aber sicher auch das Wissen, dass dies der letzte Anstieg war. Und auch hier war der Ausblick wieder wunderschön.

Gegen Ende hielten wir dann nur noch alle 200 Höhenmeter und schon sehr bald waren wir auf der letzten Passhöhe.

Jetzt fehlte nur noch die knapp 20 Kilometer lange Abfahrt nach Andermatt. Nachdem wir einen (mit Passtrassen offensichtlich überforderten) holländischen Autofahrer in einem gekonnten Manöver endlich überholen konnten, war die Abfahrt dann die verdiente Belohnung. Im unteren flachen Teil zwischen Realp und Andermatt konnten wir uns dann einer Zweiergruppe anschliessen, und wir vier harmonierten dann wunderbar mit Arbeiten vorne und Ausruhen im Windschatten hinten. In hohem Tempo näherten wir uns dem Ziel.

Insgesamt waren wir langsamer als letztes Jahr. Die Zeit verloren wir wahrscheinlich im oberen Teil am Nufenenpass und bei der längeren Pause in Ulrichen. Aber was spielt das für eine Rolle? Die Strecke und das Wetter waren toll, und wenn immer möglich, sollte man das geniessen und auch mal anhalten und die Gegend auf sich wirken lassen. So geht das.

Gegen Abend kam dann auch Martin ins Ziel. Wir waren dann aber schon abgereist. Er hat die 5 Pässe, über 7000 Höhenmeter und fast 270 Kilometer erfolgreich hinter sich gebracht. Grössten Respekt und herzliche Gratulation ihm und allen anderen Finishern der Platintour, und überhaupt jedem und jeder, welche durchs Ziel gefahren sind!

Paris – Rouen und Rouen – Honfleur

Unsere Reise war nach der langen Tour von Peigney nach Paris noch nicht zu Ende. In Paris blieben wir vier Nächte und schauten uns die Stadt an. Schon schön, aber viel zu hecktisch und der Esel und ich waren froh, als wir weiter konnten. Mit dem Velo aus der Stadt raus zu kommen, ist gar nicht so einfach. Wir brauchten einige Stunden, bis wir wirklich wieder raus waren und links und rechts von uns wieder Grün war. Wir fuhren den Seine-Radweg entlang.
In weiser Voraussicht hatten wir in Paris von den Strassen- auf Gravelbereifung gewechselt. Das hat sich gelohnt, der Seine-Radweg ist zwischen Paris und Rouen nicht selten bloss ein Singletrail, hie und da auch im hohen Gras, sodass man den richtigen Weg kaum fand.

Mit der richtigen Ausrüstung aber ist der Weg gut zu meistern und sehr abwechslungsreich und schön…
…was nicht heisst, dass ich von der Defekt-Hexe verschont blieb. Irgendwann am Vormittag stach mir ein langer rostiger Nagel nicht nur durch den Hinterreifen (dieses Loch hätte die Tubeless-Milch sicher wieder verschlossen), sondern auch noch gleich durchs Felgenband. Also Schlauch montieren und weiter. Ein paar Minuten später hüpfte mein Garmin aus der Halterung. Glücklicherweise befestige ich ihn immer zusätzlich an der Schleife. Die Halterung war abgebrochen. Isolierband gezückt, Garmin angeklebt und weiter. Für den Rest des Tages blieben wir glücklicherweise von Defekten verschont.

Auch bei dieser Tour war das Wetter nicht gerade berauschend. Immer wieder gingen Regenschauer nieder, Regenjacke anziehen, Regenjacke ausziehen, und der Gegenwind war auch heute wieder ein treuer Begleiter. Und auch heute hatten wir wieder Probleme, Wasser zu finden. Die Gegend war wie ausgestorben, viele Geschäfte und Restaurants waren geschlossen, sodass wir uns fragten, ob ein Feiertag war, von dem wir nichts mitbekommen hatten. Aber dem war nicht so. Und gerade als mein letzter Bidon leer war, kamen wir zu einem schönen kleinen Restaurant, das geöffnet hatte. Uns trennten noch etwa 30 Kilometer von Rouen, unserem Tagesziel. Nach einem Kaffee ging es mit gefüllten Bidons weiter. Der letzte Streckenabschnitt war dann wieder nicht mehr schön, die Einfahrt in die Stadt war vor allem mit viel Industrie geschmückt. Ich glaube, der offizielle Seine-Radweg umgeht diesen Teil Strecke aus gutem Grund. Am späteren Nachmittag erreichten wir nach 190 Kilometern den Stellplatz wo unsere Familien auf uns warteten. Nach einem kleinen Imbiss und einer Dusche gingen wir dann in die Stadt, welche sich im Zentrum dann als sehr schön herausstellte.

Nach einem feinen Abendessen in einem Restaurant an der Seine gingen wir zurück zum Stellplatz und machten Feierabend.

Am nächsten Tag erwartete uns die letzte Etappe dieser Tour. 130km trennten uns bei der Abfahrt am frühen Morgen vom Tagesziel Honfleur. Eine überschaubare Distanz. Wir gingen es deshalb locker an. Die ersten 20 Kilometer führten uns wieder durch hässliche Industrie und erst dann kamen wir in ein kleines Dorf mit einer Bäckerei, wo wir (wie langsam üblich) Croissants, Pain au Chocolat und Café bestellten. Frisch gestärkt ging es weiter. Etwa 50 Meter weiter. Dann war mein Hinterreifen wieder platt. Unglaublich. Eine Untersuchung des Schlauchs zeigte ein ganz ganz feines Loch. Meine Vermutung: Die Schweinerei mit der Tubelessmilch vom Vortag, gemischt mit Regenwasser und dem Sand des Feldweges, auf dem ich den Platten hatte, ergab eine ungute Schicht im Reifen, welche den Pneu kaputtscheuerte. Also wieder flicken, bzw. ersetzen und weiter gings.

Dieser Teil des Seine-Radwegs war sehr viel besser asphaltiert. Diesen Teil hätte man auch gut wieder mit Strassenreifen befahren können. Trotz des kalten, oft nassen und gegenwindigen Wetters kamen wir recht gut voran bis… mir ein Holzpfahl den Weg versperrte und mich zu einer Vorwärtsrolle samt Velo zwang. Den habe ich nicht kommen sehen und knallte frontal in ihn hinein. Glücklicherweise nicht allzu schnell. Beim Aufprall hörte ich noch ein Knacken und war mir sicher, dass die Gabel gebrochen war.
Das nächste woran ich mich erinnere, ist dass ich auf dem Boden sass und die Unfallalarmierung auf dem Garmin stoppte (welche den Sturz zuverlässig erkannte). Ich hatte Glück und war abgesehen von einer kleinen Schürfung unverletzt. Eine erste Untersuchung des Velos zeigte überraschenderweise auch keine Defekte! Was für eine treue Seele, dieses Bike (nein, weder von Garmin noch von Canyon erhalte ich Geld :-))!

Der Rest der Tour verlief zum Glück ohne weitere Zwischenfälle und kurz nach Mittag erreichten wir Honfleur an der Seine-Mündung. Wo wir wieder unsere Familien trafen. Was wir nicht wussten: Diese Stadt war von Touristen überflutet. Nach einem kurzen Mittagessen suchten wir deshalb schon bald das Weite und fuhren mit den Familien im Bulli zum zweiten Ferienziel: Ravenoville Plage bei Utah Beach.

Peigney – Paris: Die Geduldsprobe

Letzten Samstag sind wir in die Ferien aufgebrochen. Ratet mal, wer sich beim Packen wiedermal zeigte, weil er keine Lust hatte, alleine zuhause zu bleiben? Der Esel!
Kurz vor Mittag sind wir mit der ganzen Familie mit Sack und Pack und Velos und Esel mit dem Auto losgefahren Richtung Freiburg im Breisgau, denn dort konnten wir den VW-Bus abholen, in dem wir die nächsten 21 Nächte schlafen werden.
Dort angekommen, Bulli übernommen, einmal alles Gepäck von unserem Auto umladen, ein kurzes Mittagessen vom Penny und dann konnte es auch schon weitergehen Richtung Peigney in Frankreich. Dort trafen wir unsere Freunde, mit denen wir seit vielen Jahren unsere Sommerferien verbringen. Martin und ich hatten schon lange geplant, ab Peigney mit dem Velo bis nach Paris zu fahren. Das sind etwas über 300 Kilometer.
Da ich mich schon seit zwei Tagen nicht ganz fit fühlte und ich noch nie eine so weite Strecke geradelt bin, bekam ich es gegen Abend mit der Angst zu tun. Ich begann an meinem Können und meiner Vorbereitung zu zweifeln. Was passiert, wenn ich mitten in der Nacht am Strassenrand anhalten muss weil ich zu schwach bin, weiter zu fahren? Diesen Gedanken brachte ich nicht mehr aus dem Kopf. Erst ein Gespräch mit Martin konnte mich von der Angst befreien und ich konnte mich wieder auf die Tour freuen.

Nach einem feinen Znacht und den letzten Vorbereitungen, verabschiedeten wir uns um 22 Uhr von unseren Familien und machen uns auf den Weg.
Die ersten Kilometer purzelten, wir kamen super voran, waren sehr motiviert und guter Stimmung. Das wird ein Abenteuer! Ich bemühte mich sehr, alle 20 bis 30 Minuten etwas zu essen und zu trinken. Das klappte die ersten paar Stunden ziemlich gut!
Etwa ab Mitternacht spürte ich die Müdigkeit und musste gegen den sehnlichen Wunsch ankämpfen, mich einfach am Wegrand ein paar Minuten hinzulegen und zu schlafen. Wie schön das doch gewesen wäre! Die Gedanken schweiften immer wieder irgendwohin, fast wie Träume. Schwierig war es vor allem wenn Martin vorne fuhr und ich wie in Trance auf die Ritzel seines Velos starrte. Wie lange kann man das, ohne einzuschlafen? Wenn ich führte war ich konzentrierter, dann war es einfacher, wach zu bleiben. Die Kilometer zählten immer langsamer, das Geduldspiel hatte begonnen…
Aber wir gönnten uns erst nach 100 Kilometern eine erste längere Pause. Da war es schon fast zwei Uhr am Morgen. Mitten im Nirgendwo, in stockdunkler Nacht hielten wir an einem kleinen Picknickplatz. Mal etwas grösseres essen und trinken, die Trikottaschen von Abfall befreien und wieder neu mit Treibstoff bestücken und kurz die Beine etwas hängen lassen.

Aber schon nach ein paar Minuten wurde es kühl und wir brachen zur nächsten Etappe auf. Ziel war, nach 160 Kilometer, also nach halber Strecke, wieder eine Pause zu machen. Die ersten Meter nach der Pause waren sehr hart, bis der Körper wieder etwas aufgewärmt war. Komischerweise war das Problem mit der Müdigkeit aber danach nicht mehr so gross. Der Wunsch nach Schlaf hatte sich etwas gelegt.
Wir fuhren durch schwarze Landschaften, immer wieder durch verschlafene Dörfer von denen bei Nacht eines aussah wie das andere und ich sah ein Problem auf uns zu kommen: Wenn es so weiter ging, wird mir das Wasser ausgehen. Doch noch war es nicht so weit und ich hatte begonnen, sparsamer mit dem Trinken zu haushalten.
Die nächste grössere Pause machten wir nach 180 km. Eine gefühlte Ewigkeit dauerte es bis dahin. In der Nacht ist die Landschaft nur langweilig und jedes Dorf sieht aus wie das letzte. Einen Brunnen suchten wir vergebens.

Die Morgendämmerung hatte inzwischen schon langsam eingesetzt. Und mit ihr auch ein fieser Gegenwind. Es war 5 Uhr morgens und wir beschlossen, uns ein paar Minuten aufs Ohr zu hauen. Eine kleine Hütte die wir am Strassenrand fanden, war leider schon von Mäusen bewohnt. Im nächsten grösseren Dorf (Marigny-le-Chatel) legten wir und im Windschatten der Kirche hin und schliefen bis kurz vor 6 Uhr. Das tat gut, aber die Weiterfahrt war eine Tortur. Ich schlotterte vor Kälte und brauchte einige Zeit, um wieder geradeaus fahren zu können.
Langsam hatten wir auch richtig Hunger. Die Bidons waren leer und ein Kaffee musste dringend her! In Nogent-sur-Seine fanden wir eine Boulangerie.

Schokobrötchen zum Frühstück! Weiss nicht, wann ich das zuletzt hatte, aber heute hatten wir uns das verdient! Der Espresso schmeckte ausgezeichnet, sodass wir gleich noch einen zweiten bestellten. Die freundliche Bedienung füllte uns ausserdem auch noch unsere Bidons auf. Nach etwa einer halben Stunde in der warmen Bäckerei fühlten wir uns wieder richtig fit und nahmen die letzten 130 km in Angriff.
Die folgenden paar Kilometer fuhren wir durch eine wunderschöne Waldlandschaft.

Sobald wir diese hinter und liessen, stellte uns der Gegenwind auf den letzten 100 km noch einmal richtig auf die Probe. Ich brauchte jetzt häufiger kurze Pausen, etwa alle 20 km. Langsam aber sicher wurde es städtischer. Kaum noch Grünflächen, immer mehr Verkehr und alle paar Meter ein Lichtsignal, dessen Farbe aber mehr als Empfehlung denn als Gebot zu verstehen war. Wir hatten Paris erreicht! Doch der Campingplatz lag auf der anderen Seite des Stadtzentrums, und so mussten wir uns noch durch die Stadt kämpfen, die ausserdem teilweise wegen der Ankunft der Tour de France noch gesperrt war.
Schliesslich erreichten wir nach 323 Kilometern und fast 13 Stunden Fahrzeit unser Ziel. Ich war sehr glücklich und viel weniger kaputt als ich im Voraus gedacht hatte.
Nach einer schönen Dusche und etwas zu essen, gingen wir mit den Familien in die Stadt zurück um die Tour zu sehen.

Was für ein Erlebnis, diese Tour! Unsere bisher längste. Was haben wir gelernt? Auch wenn die Vorbereitung alles andere als optimal war und mein Gefühlschaos vor dem Start heftig war, haben wir es doch geschafft. Sicher, alleine hätten der Esel und ich das nicht gemacht (jedenfalls nicht während der Nacht). Aber ein intensives und am Ende auch positives Erlebnis war es auf jeden Fall, auch wenn ich mich unterwegs mehr als einmal fragte, was ich hier eigentlich mache. Danke Martin für die (vor allem mentale) Unterstützung!

TORTOUR Gravel 200

Letztes Wochenende waren wir auf der Tortour Gravel 200 (https://www.gravel.tortour.com/gravel-200/). Eine organisierte Gravel-Fahrt, dieses Jahr von Adelboden nach Mellingen. Das war einer der Höhepunkte dieser Saison. Hat riesig Spass gemacht! Aber alles der Reihe nach.

Am Freitag traf sich der ganze Tross, etwa 100 Leute, in Mellingen, wo die Velos in die Anhänger verladen wurden und die Leute sich in die beiden Cars davor gepfercht hatten. Damit fuhren wir (im Schneckentempo) nach Adelboden. Auf dass die Heimfahrt besser werde!
Das Wetter war ziemlich mies, es regnete und von der Aussicht, die man vom Hotel «The Cambrian» in Adelboden haben soll, haben wir leider nichts gemerkt. Vor dem Abendessen hatten wir noch kurz Zeit, die Sauna, das Dampfbad und den Pool zu benutzen. War auch nicht verkehrt, nach dieser fast dreistündigen Tortur Carfahrt.

Nach dem (leider nur mittelprächtigen) Abendessen gabs noch ein kurzes Briefing von Mario, der die ganze Sause hervorragend organisiert hatte und nach der Gruppeneinteilung (ja, wir schrieben uns für die schnellste Gruppe ein), ging’s dann auch schon zurück ins Zimmer. Ach ja, noch gar nicht erwähnt: Martin war auch dabei! Mit ihm haben wir das Zimmer geteilt. Seine Idee war es, überhaupt an dieser Fahrt teilzunehmen. Danke dafür! Und das meine ich ganz unironisch!

Viel geschlafen habe ich in dieser Nacht nicht. Aber das war auch nicht anders zu erwarten. Und der Wecker ging auch schon saufrüh los. Guck!
Noch kurz frühstücken und so viel reindrücken wie es geht, dann packen und ab zu den Velos! War ein ziemliches Gewusel, aber eine tolle Stimmung unter all den Teilnehmern und Teilnehmerinnen. Das Wetter war feucht, es hatte gerade aufgehört zu regnen, und ziemlich kühl war es auch. Es gab noch einen Fototermin und dann ging es auch schon los.

Unsere Espresso-Gruppe (so nannten sich die schnelleren beiden Gruppen), wir waren 16 Leute, angeführt von Reto, fuhr als erste los. Die Kälte steckte uns noch ein bisschen in den Knochen, aber nach einer kurzen Abfahrt folgte ein steiler Aufstieg, und sofort war die Kälte verschwunden. Die Fahrt bis nach Frutigen hatte immer wieder Aufstiege und Abfahrten, war ziemlich abwechslungsreich. In Frutigen konnte ich dann die Arm- und Beinlinge ausziehen, es war viel wärmer geworden. Und Regen war auch kein Thema mehr. In Allmendingen bei Thun trafen wir dann das erste Mal das Begleitfahrzeug und wir konnten die überschüssigen Kleider ins Fahrzeug geben.
Kurz was essen, die Bidons füllen und dann ging’s auch schon weiter. Nach einer kurzen Fahrt durch Steffisburg liessen wir die Zivilisation wieder hinter uns und stiegen auf nach Eriz. Das war der längste Aufstieg an diesem Tag, aber es ging ziemlich gut. Der letzte Teil war dann auch auf einem richtig schönen Schotterweg. Oben angekommen freuten wir uns auf die Abfahrt nach Schangnau und etwas später in Wiggen, überfielen wir den dortigen kleinen Imbiss. Die waren auf so viel Espresso-machen auf einmal nicht vorbereitet, aber haben sich hervorragend geschlagen 🙂 Sandwiches hatten sie aber trotzdem keine mehr…
Kurz wieder alles «aufmunitionieren», Bidons füllen, Essen in den Trikottaschen prüfen, Pipipause und weiter gehts! Es folgte der geilste Teil der Tour. Die schmalen Kieswege bis nach Schüpfheim und dann der Emmen-Uferweg bis nach Wolhusen waren der Hammer! Wir hatten einige technisch begabte Fahrer und auch eine Fahrerin in der Gruppe, welche nur so über diese Wege rauschten und der Esel und ich haben immer versucht an ihnen dran zu bleiben. So schlecht ist uns das auch gar nicht gelungen. Sie hatten nie mehr als ein paar Sekunden Vorsprung. Das war wirklich toll!

In Wolhusen angekommen war bei einigen dann etwas die Luft draussen und wir machten einen kurzen Halt in der Bäckerei. Auch diese war auf den Ansturm auf ihre Kaffeemaschine nicht vorbereitet. 🙂 Aber auch dort ging es sehr effizient zur Sache und innert kürzester Zeit hatten alle ihr braunes Gebräu der Begierde erhalten.

Der Rest des Weges entlang der Emme und der Reuss war dann technisch nicht mehr so anspruchsvoll, aber trotzdem sehr schön zu fahren. In Root, wo wir noch einmal kurz das Begleitfahrzeug trafen, waren einige dann schon nicht mehr so frisch. Aber der Rest des Weges war nicht mehr so streng. Ab Hünenberg gleiteten wir in zwei Reihen, immer schön im Windschatten des Vordermannes, spulten wir nur so Kilometer um Kilometer ab, bis fast nach Bremgarten, wo wir die letzte Pause machten. Dann folgten wieder ein paar technische Abschnitte und manchmal mussten wir das Velo auch schultern.
Und dann waren wir auch schon da. Zurück in Mellingen, wo wir einen Tag zuvor in den Car gestiegen waren. Es kam uns wie eine Ewigkeit vor. Schon nur, wenn wir uns an den Morgen in Adelboden erinnerten. So viel hatten wir auf dieser wirklich tollen Tour erlebt. Kleine Pannen, einige Stürze, aber zum Glück keine ernsthaften Zwischenfälle. Mein Velo war wie immer die Treue selbst. Keine Panne, kein Defekt, so wie es sein soll. Nur die Gummis an den Griffen sollten wir nur wirklich langsam ersetzen. Oder war meint ihr?

Im Ziel in Mellingen haben wir dann alle zusammen noch etwas getrunken, wir waren glücklich, aber um ehrlich zu sein, fehlte noch etwas. Der Kilometerzähler zeigte 192.5km. Die Beine waren noch gut. Der Magen auch (wieder). Energiereserven waren da. Regenjacke hatte ich dabei, Licht auch. Also warum nicht noch die 37 Kilometer nach Hause mit dem Velo machen, statt wieder in die S-Bahn zu steigen? Gesagt, getan. Wir verabschiedeten uns von den anderen, dankten Reto für die tolle Führung auf dieser Tour und machten uns auf den Heimweg. Nach ein paar hundert Metern verabschiedeten wir uns dann auch von Martin. Auch er fuhr noch mit dem Velo nach Hause zurück.
Etwas Musik in einem Ohr fuhren wir glücklich und gemütlich (und tatsächlich auch bis am Schluss trocken) nach Hause… Was für ein toller Tag!

Und was haben wir gelernt? Aus den Fehlern auf der Säntis Classic wollte ich etwas lernen und habe mich auf dieser Tour anders ernährt. Keine Energieriegel. Gels nur für den Notfall. Selbstgemachte Flapjacks, Biberli, Aenisstängel und ähnliches waren angesagt. Und häufig, dafür in kleinen Häppchen essen. Das ist mühsam, wenn man alle 15 Minuten ans Essen denken muss. Aber selbst als ich in Escholzmatt ein kleines Tief hatte und sehr hungrig war, habe ich diese Strategie weiter durchgezogen und es hat funktioniert. Der Hunger verschwand irgendwann und müde wurde ich gar nie. Und immer auch ganz viel trinken (muss man ja, sonst bringt man das trockene Futter eh nicht runter). Iss und trink richtig, dann kannst Du ewig weiter fahren.

In die Ferien nach Strassburg

Heute, es ist der 22. April, haben wir etwas spezielles vor. Wir versuchen die längste Tour, die Domi alleine mit mir bis jetzt gemacht hat. Er ist schon weiter gefahren, zusammen mit Martin (diesen werdet ihr mit Sicherheit auch noch kennenlernen, er ist ein sehr guter Freund). Alleine mit mir aber nicht. Unser Ziel ist Strassburg im Elsass. Wir machen dort Ferien mit der Familie und Freunden. 225 Kilometer von hier wo wir wohnen. Das wird ein Experiment. Hoffentlich klappt’s. Das wäre toll!

Wir reisen nur mit leichtem Gepäck, denn Domi hat für den Mittag mit unserer (ja, seine ist auch meine) Familie abgemacht. Auch diese werdet ihr noch kennenlernen. Jedenfalls ist der Plan, dass wir uns etwa auf halber Strecke zum Mittagessen treffen. Sie reisen mit dem Auto.

Unser fahrbarer Untersatz ist bereit. Alles geputzt, geschmiert, gepumpt, geladen und gepackt. In der Tasche haben wir etwas Werkzeug, Esswaren, die Regenjacke und natürlich mich! Domi ist schon nervös. Aber das ist normal, wenn er eine weite Tour vor hat. Nach den ersten paar Metern weicht die Nervosität dann meistens guter Laune. So auch heute.

Etwa um 8 Uhr fahren wir los. Es ist ziemlich kalt und neblig! Wir hatten auf etwas schöneres Wetter gehofft, aber das wir sicher noch. Manchmal drückt schon die Sonne durch! Die Regenjacke bleibt jedenfalls nicht lange in der Tasche. Gut für mich, dann habe ich etwas mehr Platz!

Beim Flugplatz Birrfeld ist der Nebel dann endgültig hinter uns und es wird zum Glück auch ein bisschen wärmer. Die Regenjacke kommt zurück zu mir in die Tasche. Iiih, die ist ganz feucht vom Nebel! Bäh…

In Brugg fahren wir über die Aare. Die Brücke dort ist ziemlich spannend, denn über uns fährt die Eisenbahn über den Fluss. Und unter der Eisenbahn ist die Brücke für Fussgänger und Ritzelstürmer. Ab jetzt geht es hinauf zum Bötzberg. Ein Berg ist das ja nicht wirklich. Mehr ein grosser Hügel. Danach ins Fricktal und Richtung Basel. Es läuft ziemlich gut!

In Kembs, kurz hinter der Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich, treffen wir auf die Familie und die Freunde, mit denen wir die Ferien verbringen. Bis jetzt läuft alles nach Plan! Keine Pannen und auch keine anderen Probleme. Domi wurde vorhin zwar noch kurz nervös, weil an der Stelle, an der wir die anderen erwarteten, niemand war. Dann haben wir aber gemerkt, dass wir am falschen Ort waren 😉

Wir essen Picknick und machen uns dann schon sehr bald wieder auf den Weg. Wir haben noch etwa 100 Kilometer vor uns. Immer Richtung Norden und immer leicht abwärts. Meistens sieht es jetzt so aus. «Langweilig», denken jetzt sicher einige von euch. Aber nein! Uns gefällt das so. Es hat sehr kaum Autos und das Wetter ist perfekt. So macht es echt Spass und wir kommen gut voran!

Und dann, nach 160 Kilometer machen wir Zwangspause. Vor lauter Geniessen hat Domi vergessen, genug zu essen. Das macht er ab und zu, ist weder das erste noch das letzte Mal, dass ihm das passiert. Er wird’s wohl nie lernen. Essen ist so wichtig beim Velofahren! Was er aber gelernt hat, ist richtig darauf zu reagieren, und das ist genau so wichtig.

Jedenfalls muss er sich hinsetzen, fahren geht gerade nicht mehr. Per Zufall kommen wir an einem kleinen Spielplatz vorbei. Leute hat es keine, aber Picknicktische. Wir machen Pause Domi schlürft Süsses. So glitschige Gels und ein Notfall-Energydrink, den er sich am Morgen noch in die Tasche gesteckt hatte. Essen mag er nicht, sagt er. Immerhin bleibt er ganz ruhig und geduldig und irgendwann muss er sogar über unsere Situation und über sich selber lachen. Auch das musste er lernen und das war alles andere als einfach, sagt er. Etwa nach einer halben Stunde geht’s ihm besser. Er hat sogar wieder etwas Farbe im Gesicht, der sah ja aus wie ein Leintuch mit Helm. So gefällt er mir wieder besser. Er meint, wir können weiter, fahren aber vorerst langsam. Soll mir recht sein, Hauptsache weiter. Wurde schon fast langweilig hier. Essen mag er nicht, sagt er. Immerhin nimmt er ab jetzt regelmässig von den Zucker-Gels. Das scheint ihm gut zu helfen, denn nach etwa einer weiteren halben Stunde ist er wieder der alte und auch wieder beim normalen Tempo.

Immer wieder kommen wir in kleine Dörfer. Und plötzlich… steht das Ziel angeschrieben. Obwohl es noch etwa 45 Kilometer sind, haben wir das Gefühl, wir seien schon fast da. Wir geniessen den Rest der Strecke wieder so richtig.

Die letzten 30 Kilometer sehen dann immer so aus wie unten. Okay, das wurde dann tatsächlich irgendwann langweilig. Aber hey, mal was anderes! Bei uns haben wir das noch nie gesehen oder erlebt. So geht es jetzt fast eine Stunde lang. Und dann hat es immer häufiger Häuser und Strassen auf beiden Seiten. Sieht nach einer Stadt aus!

Und dann sind wir da! Campingplatz Strassburg! Das Experiment ist geglückt. Domi merkt man die Erleichterung schon etwas an. Die anderen warten schon mit dem verdienten Regenerations-«Tee».
Wir haben in 8 Stunden und 20 Minuten 225 Kilometer mit 1050 Höhenmetern gemacht.

Was nehmen wir mit? Ich finde, den Zwischenfall mit Domis Hungerast haben wir recht gut gemeistert. Es hat uns zwar etwas Zeit gekostet, aber wir haben wieder einmal gelernt, was in einer solchen Situation zu tun ist und dass kein Grund zur Panik besteht. Ist doch super! Es war eine tolle Tour, gerne wieder!