Letzten Samstag sind wir in die Ferien aufgebrochen. Ratet mal, wer sich beim Packen wiedermal zeigte, weil er keine Lust hatte, alleine zuhause zu bleiben? Der Esel!
Kurz vor Mittag sind wir mit der ganzen Familie mit Sack und Pack und Velos und Esel mit dem Auto losgefahren Richtung Freiburg im Breisgau, denn dort konnten wir den VW-Bus abholen, in dem wir die nächsten 21 Nächte schlafen werden.
Dort angekommen, Bulli übernommen, einmal alles Gepäck von unserem Auto umladen, ein kurzes Mittagessen vom Penny und dann konnte es auch schon weitergehen Richtung Peigney in Frankreich. Dort trafen wir unsere Freunde, mit denen wir seit vielen Jahren unsere Sommerferien verbringen. Martin und ich hatten schon lange geplant, ab Peigney mit dem Velo bis nach Paris zu fahren. Das sind etwas über 300 Kilometer.
Da ich mich schon seit zwei Tagen nicht ganz fit fühlte und ich noch nie eine so weite Strecke geradelt bin, bekam ich es gegen Abend mit der Angst zu tun. Ich begann an meinem Können und meiner Vorbereitung zu zweifeln. Was passiert, wenn ich mitten in der Nacht am Strassenrand anhalten muss weil ich zu schwach bin, weiter zu fahren? Diesen Gedanken brachte ich nicht mehr aus dem Kopf. Erst ein Gespräch mit Martin konnte mich von der Angst befreien und ich konnte mich wieder auf die Tour freuen.

Nach einem feinen Znacht und den letzten Vorbereitungen, verabschiedeten wir uns um 22 Uhr von unseren Familien und machen uns auf den Weg.
Die ersten Kilometer purzelten, wir kamen super voran, waren sehr motiviert und guter Stimmung. Das wird ein Abenteuer! Ich bemühte mich sehr, alle 20 bis 30 Minuten etwas zu essen und zu trinken. Das klappte die ersten paar Stunden ziemlich gut!
Etwa ab Mitternacht spürte ich die Müdigkeit und musste gegen den sehnlichen Wunsch ankämpfen, mich einfach am Wegrand ein paar Minuten hinzulegen und zu schlafen. Wie schön das doch gewesen wäre! Die Gedanken schweiften immer wieder irgendwohin, fast wie Träume. Schwierig war es vor allem wenn Martin vorne fuhr und ich wie in Trance auf die Ritzel seines Velos starrte. Wie lange kann man das, ohne einzuschlafen? Wenn ich führte war ich konzentrierter, dann war es einfacher, wach zu bleiben. Die Kilometer zählten immer langsamer, das Geduldspiel hatte begonnen…
Aber wir gönnten uns erst nach 100 Kilometern eine erste längere Pause. Da war es schon fast zwei Uhr am Morgen. Mitten im Nirgendwo, in stockdunkler Nacht hielten wir an einem kleinen Picknickplatz. Mal etwas grösseres essen und trinken, die Trikottaschen von Abfall befreien und wieder neu mit Treibstoff bestücken und kurz die Beine etwas hängen lassen.

Aber schon nach ein paar Minuten wurde es kühl und wir brachen zur nächsten Etappe auf. Ziel war, nach 160 Kilometer, also nach halber Strecke, wieder eine Pause zu machen. Die ersten Meter nach der Pause waren sehr hart, bis der Körper wieder etwas aufgewärmt war. Komischerweise war das Problem mit der Müdigkeit aber danach nicht mehr so gross. Der Wunsch nach Schlaf hatte sich etwas gelegt.
Wir fuhren durch schwarze Landschaften, immer wieder durch verschlafene Dörfer von denen bei Nacht eines aussah wie das andere und ich sah ein Problem auf uns zu kommen: Wenn es so weiter ging, wird mir das Wasser ausgehen. Doch noch war es nicht so weit und ich hatte begonnen, sparsamer mit dem Trinken zu haushalten.
Die nächste grössere Pause machten wir nach 180 km. Eine gefühlte Ewigkeit dauerte es bis dahin. In der Nacht ist die Landschaft nur langweilig und jedes Dorf sieht aus wie das letzte. Einen Brunnen suchten wir vergebens.

Die Morgendämmerung hatte inzwischen schon langsam eingesetzt. Und mit ihr auch ein fieser Gegenwind. Es war 5 Uhr morgens und wir beschlossen, uns ein paar Minuten aufs Ohr zu hauen. Eine kleine Hütte die wir am Strassenrand fanden, war leider schon von Mäusen bewohnt. Im nächsten grösseren Dorf (Marigny-le-Chatel) legten wir und im Windschatten der Kirche hin und schliefen bis kurz vor 6 Uhr. Das tat gut, aber die Weiterfahrt war eine Tortur. Ich schlotterte vor Kälte und brauchte einige Zeit, um wieder geradeaus fahren zu können.
Langsam hatten wir auch richtig Hunger. Die Bidons waren leer und ein Kaffee musste dringend her! In Nogent-sur-Seine fanden wir eine Boulangerie.

Schokobrötchen zum Frühstück! Weiss nicht, wann ich das zuletzt hatte, aber heute hatten wir uns das verdient! Der Espresso schmeckte ausgezeichnet, sodass wir gleich noch einen zweiten bestellten. Die freundliche Bedienung füllte uns ausserdem auch noch unsere Bidons auf. Nach etwa einer halben Stunde in der warmen Bäckerei fühlten wir uns wieder richtig fit und nahmen die letzten 130 km in Angriff.
Die folgenden paar Kilometer fuhren wir durch eine wunderschöne Waldlandschaft.
Sobald wir diese hinter und liessen, stellte uns der Gegenwind auf den letzten 100 km noch einmal richtig auf die Probe. Ich brauchte jetzt häufiger kurze Pausen, etwa alle 20 km. Langsam aber sicher wurde es städtischer. Kaum noch Grünflächen, immer mehr Verkehr und alle paar Meter ein Lichtsignal, dessen Farbe aber mehr als Empfehlung denn als Gebot zu verstehen war. Wir hatten Paris erreicht! Doch der Campingplatz lag auf der anderen Seite des Stadtzentrums, und so mussten wir uns noch durch die Stadt kämpfen, die ausserdem teilweise wegen der Ankunft der Tour de France noch gesperrt war.
Schliesslich erreichten wir nach 323 Kilometern und fast 13 Stunden Fahrzeit unser Ziel. Ich war sehr glücklich und viel weniger kaputt als ich im Voraus gedacht hatte.
Nach einer schönen Dusche und etwas zu essen, gingen wir mit den Familien in die Stadt zurück um die Tour zu sehen.
Was für ein Erlebnis, diese Tour! Unsere bisher längste. Was haben wir gelernt? Auch wenn die Vorbereitung alles andere als optimal war und mein Gefühlschaos vor dem Start heftig war, haben wir es doch geschafft. Sicher, alleine hätten der Esel und ich das nicht gemacht (jedenfalls nicht während der Nacht). Aber ein intensives und am Ende auch positives Erlebnis war es auf jeden Fall, auch wenn ich mich unterwegs mehr als einmal fragte, was ich hier eigentlich mache. Danke Martin für die (vor allem mentale) Unterstützung!


Noch kurz frühstücken und so viel reindrücken wie es geht, dann packen und ab zu den Velos! War ein ziemliches Gewusel, aber eine tolle Stimmung unter all den Teilnehmern und Teilnehmerinnen. Das Wetter war feucht, es hatte gerade aufgehört zu regnen, und ziemlich kühl war es auch. Es gab noch einen Fototermin und dann ging es auch schon los.
Kurz was essen, die Bidons füllen und dann ging’s auch schon weiter. Nach einer kurzen Fahrt durch Steffisburg liessen wir die Zivilisation wieder hinter uns und stiegen auf nach Eriz. Das war der längste Aufstieg an diesem Tag, aber es ging ziemlich gut. Der letzte Teil war dann auch auf einem richtig schönen Schotterweg. Oben angekommen freuten wir uns auf die Abfahrt nach Schangnau und etwas später in Wiggen, überfielen wir den dortigen kleinen Imbiss. Die waren auf so viel Espresso-machen auf einmal nicht vorbereitet, aber haben sich hervorragend geschlagen 🙂 Sandwiches hatten sie aber trotzdem keine mehr…
Und dann waren wir auch schon da. Zurück in Mellingen, wo wir einen Tag zuvor in den Car gestiegen waren. Es kam uns wie eine Ewigkeit vor. Schon nur, wenn wir uns an den Morgen in Adelboden erinnerten. So viel hatten wir auf dieser wirklich tollen Tour erlebt. Kleine Pannen, einige Stürze, aber zum Glück keine ernsthaften Zwischenfälle. Mein Velo war wie immer die Treue selbst. Keine Panne, kein Defekt, so wie es sein soll. Nur die Gummis an den Griffen sollten wir nur wirklich langsam ersetzen. Oder war meint ihr?
